Jambo Africa

Ich liebe wandern, Afrika, die Mission und Kinder. Dass das alles zusammenkommt, begeisterte und bewog mich bei Klimbing for Kids mitzumachen und den Kilimandscharo zu besteigen. Ein halbes Jahr lang trainierte, hoffte und wartete ich. Nun steht es unmittelbar bevor. Wir sind in Arusha gelandet und im Hotel am Warten.

Am nächsten Tag geht es mit Linksverkehr zum Machame-Gate. Dort wird alles bereit gemacht. Die Porter wiegen ihr Gepäck. Was sie alles den Berg hochschleppen! Essen, Zelte, Stühle, Matten, Trocken-WCs… Da habe ich mit meinem „Daypack“ fast nichts zu tragen.

Es ist wunderschön, durch den Regenwald zu gehen, wie durch eine endlose Masoalahalle im Zürcher-Zoo. Mit dem einzigen Unterschied, dass es viel kälter ist. Und steiler. Nach sechs Uhr wird es dunkel. Zum Glück habe ich eine Taschenlampe dabei. Um acht Uhr kommen wir an. Nach dem stärkenden Abendessen gibt es ein Briefing mit dem Guide. Er erzählt, was uns am nächsten Tag erwartet. Er wolle uns den 4G-Punkt zeigen, „where you can leave a message.“ Ein Raunen geht durch das Zelt, Handys werden bereitgemacht und freudig stapfen einige dem Guide hinterher. Die Vorfreude trübt sich schnell, denn der Guide führt die Leute direkt zum Chemie-WC und erklärt, wie es funktioniert. Internetempfang ist Fehlanzeige am Berg! Immerhin wird es zu einer häufig benutzten Redewendung, bevor jemand hinter den Busch verschwindet: „I have to leave a message!“

Heute ist Pastor Bills Geburtstag! „Ich danke euch“, beginnt er, „doch zu danken ist eigentlich zu wenig. Aus verschiedenen Gründen feiere ich meinen Geburtstag am liebsten alleine. Aber heute ist es mir wichtig, mit euch zusammen zu sein. Mitarbeitende, langjährige Freunde, neue Freunde, ihr alle seid wichtig.“ Pastor Bill lässt seinen Blick über uns gleiten.

Seit fünfzig Jahren trage ich Metro World Child auf meinem Rücken. Es ist Zeit, dass andere Leute kommen und tragen.

„Wir haben offene Türen – im Gazastreifen, in Äthiopien, in so vielen Ländern, wo andere nicht hinkommen. Es liegt alles bereit – vor uns – so wie dieser Tisch gedeckt ist.“ Bill zeigt auf den Frühstückstisch. „Alles, was wir brauchen, sind Leute und Geld. Ihr habt Einfluss, ihr macht einen Unterschied im Leben dieser Kinder.“ So fährt Pastor Bill fort, seine Stimme bricht, seine Augen werden feucht. Auch wir wischen uns verstohlen die Tränen aus den Augen. Dieser Mann weiss, wie man Leute motiviert. Die afrikanische Crew singt, tanzt und bringt einen Kuchen. Wir wissen: Diesen Augenblick vergessen wir nicht so schnell.

Wir nehmen die steilste Wegstrecke unter die Füsse. Doch nicht meine Beine, sondern mein Kopf meldet sich. Kopfschmerzen! Und dies bei knapp 4’000 Metern Höhe. Wie wird es, wenn wir noch höher steigen? „Trink mehr Wasser“, meint der Guide. „Nimm etwas“, sagt Toni. Rächt es sich jetzt, dass ich kein Medikament gegen die Höhenkrankheit nehme? Für einige ist es selbstverständlich, dass sie es präventiv einnehmen. Ich nehme zwei Aspirin. Gott sei Dank geht es mir einige Zeit später besser. So kann ich den erstmaligen Blick auf den Kilimandscharo und den wunderschönen Sonnenuntergang geniessen. Nachdem die Sonne weg ist, wird es kalt. Mit Bettflasche, Mütze, zwei Matten und Kleidern im Schlafsack bin ich heute besser darauf vorbereitet.

Jeder Tag hat seine Herausforderung. Nach dem Porridge und dem Toast, der Erdnussbutter für die Amerikaner und dem Schokoladenpulver für mich, trägt die afrikanische Crew Lieder vor. Sie singen und tanzen mit Begeisterung und Freude, dass wir richtiggehend mitgerissen werden. Wir verlassen das Camp mit dem gefrorenen Wasser und sind froh, dass sich die Sonne kurz darauf zeigt. Vom Heideland geht es in steiniges Gelände. Felsbrocken sind zu sehen und das Wolkenmeer befindet sich erstmals unter uns. Der Weg beginnt zu steigen, die Luft wird dünner. Jetzt geht es nur noch langsam vorwärts, der Puls schlägt, die Lunge arbeitet. Noch nie habe ich das Mittagszelt so herbeigesehnt. Es ist windig, kalt, neblig und ungemütlich, als wir beim Lava Tower auf 4’800 Metern ankommen. Doch mit dem Mittagessen ist es so eine Sache. Sobald ich mich setze, meldet sich mein Magen. Er scheint Trampolin zu springen. Ich fürchte, dass der Inhalt gleich wieder hochkommt, wenn ich etwas zu mir nehme. Endlich geht es weiter, zum Glück abwärts. Es gibt wieder Bäume, Bäche, Blumen, Wasserfälle; wir gehen durch einen Märchenwald. Und je weiter wir nach unten gehen, desto besser fühle ich mich.

Das Wasser ist auch heute gefroren, aber bald geht die Sonne auf und erwärmt uns. Heute gibt es eine Wand zu erklimmen. „Barranco Wall“ steht auf dem Programm. Es gibt einige Kletterpassagen, für Schweizer Wanderer nichts Besonders, für andere aus flacheren Ländern schon: Da landet schnellmal einer auf dem Hintern oder muss sich von den Guides helfen lassen. Aber die Aussicht entschädigt für vieles. „Ist es immer so schönes Wetter hier?“, frage ich einen Guide. „Nein, nein“, erwidert dieser, „wir haben für euch gebetet.“ Uns geht es wirklich gut! Auch mit dem Essen. Ich weiss nicht, wie die Köche das machen, aber heute gibt es Kürbissuppe, Pommes-Frites, Hackfleischbällchen, grünen Salat und Obstsalat. Dies alles auf über 4000 Metern! Es ist unglaublich, was die Crew leistet. Sie tragen Wasser von weit her, damit wir saubere Hände haben. Sie schultern Stühle und einen Tisch, damit wir sitzen können. Sie stellen Zelte und WCs auf und bauen anschliessend alles wieder ab. Sie haben meinen Respekt. Heute ist der vierte Tag und ich bin einfach dankbar, dass ich keine Kopfschmerzen mehr habe, mein Magen sich beruhigt hat, die Sonne scheint und wir schon im Camp sind. Jetzt hoffe ich, dass ich das mit dem Schlaf noch hinkriege. Das Zelt steht schräg, ich rutsche ab und muss mich immer wieder in die richtige Position zurückstossen. Stimmen erklingen bis weit in die Nacht hinein.

Tonight is the night! Die Aufregung ist mit den Händen greifbar.

Wir sind im Kosovo-Camp und es schneit und nieselt, der Wind heult durch die Zeltreihen. Nach dem Essen gibt es ein Briefing, bei dem alle sechs Guides erscheinen. „Wir werden Leuten begegnen, die vom Gipfel zurückkommen“, warnt uns der Guide. „Fragt sie nicht, wie es war. Es könnte euch entmutigen. Der Berg behandelt jede Person anders. Wenn dir jemand etwas erzählt, heisst es nicht, dass du das Gleiche erlebst.“ Ich habe das Gefühl, dass sich alle mit ihrer Nervosität verrückt machen: Habe ich genug anzuziehen? Wie wird es sein, so viele Stunden unterwegs zu sein?  Werde ich die nötige Kraft haben? Wie ist es mit der Luft? Werde ich atmen können?

Um halb elf Uhr in der Nacht treffen wir uns. Die meisten haben kein Auge zugetan. Um elf Uhr ist Abmarsch, so der Plan. Aber bis alle bereit sind, wird es halb zwölf. „Lasst uns beten“, sagt James, der Guide. Jim betet für einen sicheren Aufstieg. Dann geht’s los. Endlich! Nur viel zu langsam. Ich werde nicht warm. Anna ergeht es ähnlich. Bei einem Halt fragt sie, ob wir nicht eine schnellere Gruppe bilden können. Endlich wird mir wärmer. Nur wenn wir anhalten, kriecht die Kälte in die Glieder. Die Zehenwärmer funktionieren nicht und auch meine Hände sind kalt. Es geht steil bergauf, immer weiter, eine Stunde, zwei Stunden. Zum Glück ist es Nacht und wir sehen nicht, wie weit es noch ist. Trotzdem sehne ich den Sonnenaufgang herbei. „An dieser Stelle geben viele auf“, meint einer der Guides, als wir ausser Atem, mit hohem Puls, anhalten. „Von hier ist es nicht mehr weit bis zum Gipfel!“ Das motiviert uns.

Als wir Stella Point erreichen, haben wir Tränen in den Augen. An dieser Stelle gilt der Kilimandscharo als erreicht.

Es ist noch komplett finster und nach einer kurzen Trinkpause – mein Wasser ist eingefroren, aber jemand hat eine Thermosflasche mit heissem Tee dabei. Es geht schnurstracks weiter. Zum Glück nicht mehr so steil wie vorher. Endlich erreichen wir den Uhuru-Peak! Es dämmert, eine rote Linie zeigt sich am Horizont. Sie wird grösser und grösser, bis sich eine blassgelbe Scheibe löst und gen Himmel steigt. Es ist der schönste Anblick, den ich mir vorstellen kann.

Wir sind auf dem Dach Afrikas! Die Zuckerglasur des Kilimandscharo beginnt in den Sonnenstrahlen zu schimmern und glänzen. Unter uns liegt das Wolkenmeer, stellenweise sieht man bis auf den Boden. So muss sich Glück anfühlen. Doch bitterkalt ist es immer noch. Wir machen Fotos und beschliessen, ins Camp zurückzugehen. Ich spüre, dass meine Hände anfangen zu kribbeln und habe einen Druck im Kopf. Beim Runtergehen merken wir, wie viele Höhenmeter wir gemacht haben. Auf dem staubigen Untergrund rutschen wir mehr als dass wir gehen, voller Euphorie und Freude, dass wir es geschafft haben.

Es geht hinab, gefühlte tausend Treppenstufen, auf einem anderen Weg, als wir gekommen sind. Was heisst Treppenstufen – es geht über Steine und Felsbrocken. Nach der Besteigung des Kilis nochmals fünf Stunden zu wandern ist zu viel. Wir hatten zum Glück ein paar Ruhestunden, bevor wir aufbrachen. Nach diesen Strapazen schlafe ich das erste Mal wunderbar.

Der letzte Tag ist da! Die Sachen, die wir nicht mehr benötigen, können wir in einen Sack legen. Sie werden an die Porter verteilt, jene Leute, die unser Gepäck schleppten. Wenn man sieht, wie sie teilweise angezogen sind und mit was für Schuhen sie auf den Berg laufen, gibt man gerne etwas weg. Ist es nicht ein gutes Gefühl, dass jetzt jemand in Tansania mit meinen Wanderschuhen rumläuft? Bei uns kommt der Winter, da brauche ich sie nicht.

Die Dusche nach sieben Tagen Hiking ist grandios. Ich fühle mich wie im siebten Himmel.

Warmes Wasser spült den Staub und Schweiss weg, der sich in vielen Stunden angesammelt hat. Ich produziere einen kleinen See, weil das Wasser nicht richtig abfliesst.

Wir sind eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft, alle mit demselben Ziel: Nicht primär den Gipfel zu erreichen, das ist ein schöner Nebeneffekt. Wir wollen mithelfen, diese Welt besser zu machen. Auch für die Kinder. Dieses Ziel schweisst zusammen. „Jambo Africa!“ (hallo Afrika), sagten wir vor einer Woche und nun ist schon der Abschied da. Von „never again“ bis „in ein paar Jahren komme ich mit meinen Kindern“ höre ich alles, aber bereut, bereut hat es niemand, auf den Kilimandscharo gestiegen zu sein. Auch ich nicht.

Daniela aus der Schweiz


Klimbing for Kids: Die Not ist der Ruf seit über 50 Jahren

Der Dienst, der Berg und der Mann – Sie kamen alle zusammen, als Pastor Bill Wilson an seinem 70. Geburtstag den Kilimandscharo mit einem  Team aus aller Welt bestieg. Seit 50 Jahren Dienst ist sein grösstes Herzensanliegen, Kindern auf der ganzen Welt Hoffnung und Zukunft zu bringen. In all den Jahren hat er viel erlebt und erreicht. Doch es warten noch ein Berg voller Möglichkeiten und zahlreiche grosse Nöte in den ärmsten Vierteln der Welt, denen es mit Metro World Child dringend zu begegnen gilt.

Hier geht es zum Video.

Wir danken allen von Herzen, dass Sie Metro World Child so grosszügig unterstützen.


 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.